Die Kemenate – zwei Jugendzimmer für Bertha und Barbara Krupp entstehen

CORONA-REGELN
Das Tragen einer medizinischen Maske (FFP2, alternativ OP-Maske) ist in den Innenräumen der Villa Hügel verpflichtend!
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ZUFAHRTSHINWEIS 9. OKTOBER 2022
Aufgrund einer Marathonveranstaltung am Baldeneysee empfehlen wir Ihnen eine Zufahrt zur Villa Hügel über den Eingang „Haraldstraße“.
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GEÄNDERTE ÖFFNUNGSZEITEN
Mo, 3. Okt. – Villa Hügel und Park zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet
Do, 13. Okt. – Sa, 15. Okt. – Großes Haus Villa Hügel geschlossen, Historische Ausstellung Krupp von 10 bis 18 Uhr geöffnet
Fr, 21. Okt. – Großes Haus Villa Hügel schließt um 17 Uhr, Historische Ausstellung Krupp bis 18 Uhr geöffnet
Sa, 22. Okt. – Großes Haus Villa Hügel schließt um 17 Uhr, Historische Ausstellung Krupp bis 18 Uhr geöffnet
Di, 1. Nov. – Villa Hügel und Park zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet
Weitere Änderungen entnehmen Sie unserem Kalender.

Haupthaus Villa Hügel, Westseite: Der Blick des aufmerksamen Betrachters / der aufmerksamen Betrachterin wandert an der Außenfassade in die Höhe. Im zweiten Obergeschoss macht er halt und entdeckt einen Balkon, der sich in seinem Aussehen und seiner Dimension deutlich von den anderen seiner Art abhebt. Halbrund und zierlich ist er, dieser besondere Balkon. Er ist Teil eines weiteren besonderen Bereichs in der Villa Hügel, einer kleinen, in sich abgeschlossenen Wohnung innerhalb der Villa Hügel – der sog. Kemenate. Sie gehört zu den besterhaltenen bürgerlichen Interieurs der späten Kaiserzeit.

Die Kemenate entsteht an der Stelle des ehemaligen Malersaals. 1901 lassen Friedrich Alfred (Sohn von Alfred Krupp) und seine Frau Margarethe Krupp von dem Berliner Innenarchitekten Hermann Ernst Mieritz diesen Bereich vollständig umplanen. Im klaren Kontrast zu den großen repräsentativen Räumlichkeiten der restlichen Villa Hügel, sollen für die Töchter Bertha (16) und Barbara (15) kleine, private Rückzugsorte geschaffen werden.

Mieritz gestaltet den Malersaal vollständig neu: Decken und Zwischenwände werden eingezogen, Schlaf- und Wohnzimmer auf zwei Etagen entstehen verbunden durch ein Treppenhaus mit Flur. In das Untergeschoss werden die beiden Mädchen einziehen, das Obergeschoss ist Gästen vorbehalten.
Der Königlich preußische Hofmöbelfabrikant Bembé aus Mainz statt die Räume mit Einbau- und beweglichen Möbeln im englischen Stil aus. Im Eingangsbereich der Kemenate wird ein für die damalige Kaiserzeit luxuriöses Bad mit Badewanne, Bidet und WC eingebaut. Im Obergeschoss befindet sich neben weiteren Schlaf- und Wohnräumen für Gäste auch das Schrankzimmer für die Kleidung der beiden zukünftigen Bewohnerinnen. Zwei Besonderheiten zeichnen diesen Raum aus: Zum einen ist das floral gestaltete Oberlicht aus Bleiglasfenstern zu nennen, welches mit dem Dach verbunden ist und den Raum mit Tageslicht erhellt. Zum anderen ist die Gestaltung des Fußboden hervorzuheben: Kleine Glassteine, Vorläufer der heutigen Glasbausteine, ermöglichen die Beleuchtung des direkt darunter liegenden Badezimmers.

Bertha und Barbara Krupp mit Freundin (links) und musizierend (rechts), 1899

Salon der Kemenate im unteren Geschoss nach Süden, um 1902 | Fotograf: Hermann Rückwardt (1845-1919)

Im Mai 1902 ist es soweit und die beiden Teenager Bertha und Barbara beziehen kurz nach ihrer Konfirmation im März desselben Jahres den neuen Wohnbereich. Am 18. Mai berichtet Barbara ihrem Vater: „Wir wohnen jetzt schon einige Tage in der Kemenate und es ist alles wunderschön. Das Einräumen hat uns sehr viel Freude gemacht. Wir haben Himmelfahrt dazu benutzt, um alles im Salon aufzustellen u. aufzuhängen […]“ Barbara erhält den Wohnbereich mit Ausblick auf das damalige Ruhrtal und direktem Zugang zum Bad, ihre ältere Schwester Bertha blickt auf den Park, damals noch mit zahlreichen Wirtschaftsgebäuden bebaut. Die beiden Bewohnerinnen dekorieren ihre neuen Jugendzimmer mit persönlichen Gegenständen und Kunstobjekten. Neben Fotografien von Freunden und Familie, Postkarten und kleinen, feinen Porzellanfiguren werden zwei Gemälde des Tiermalers Heinrich Sperling aufgehängt . Sie zeigen Berthas und Barbaras Hunde Fix vom Hügel und Fox vom Hügel sowie den Schimmel Soliman. Vom Interieur des Untergeschosses ist nicht viel erhalten geblieben, ausgenommen das Klavier, das in einer Zusammenarbeit zwischen dem Architekten Hermann Ernst Mieritz, des Möbelfabrikanten Bembé und der Pianofabrik Ibach aus (Wuppertal-) Barmen in seiner Gestaltung auf die übrigen Möbel abgestimmt worden war.

Das Obergeschoss der Kemenate ist mit zwei kleinen Appartements den Gästen der Familie Krupp vorbehalten. Ihr Aufbau ähnelt dem Untergeschoss: Je einem Wohn-, Schlaf- und Anziehbereich stehen für Übernachtungen zur Verfügung. Im Gegensatz im Untergeschoss ist die Inneneinrichtung der Firma Bembé im Stil Englisch Modern erhalten geblieben und ist damit einzigartig.

Bertha und Barbara haben die Kemenate bis zum Jahr 1906 dauerhaft bewohnt. Danach werden bis 1912 während großer Feierlichkeiten (z. B. die Hochzeiten der beiden 1906 und 1907, das 100-jährige Firmenjubiläum 1912) auf beiden Etagen Gäste unterbracht. Während der großen Umbauphase des Haupthauses zwischen 1914 und 1916 werden vermutlich die unteren Räumlichkeiten wieder zu einem großen Salon zusammengefasst, während der obere Teil Bestand behält. Als Gästewohnung werden sie fortan nicht mehr genutzt.