PARIS – BELLE ÉPOQUE

11. Juni – 13. November 1994

Ein Jahrhundert feiert seinen Abschied, und in seinem Glanz sind zugleich die Zeichen einer neuen Zeit unübersehbar. Die Belle Époque ist ein facettenreiches Kapitel in der Geschichte der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Ihr Bild, in der Erinnerung zu flüchtig schönem Schein verklärt, gewinnt in der Ausstellung konkrete Züge: Paris zwischen 1880 und 1914 – ein Panorama urbanen Daseins voller Beschwingtheit und verlockender Vielfalt, das den Ernst des Lebens zu überspielen weiß.
Ausstellungsplakat (Montage) PARIS – BELLE ÉPOQUE

Das sind animierende Stichworte. Sie wecken Vorstellungen von einer schönen Zeit und evozieren ein schillerndes Kaleidoskop glanzvoller Bilder. Im Gedächtnis der Nachwelt hat sich die Belle Époque als eines jener verlorenen Paradiese erhalten, die Europa vor dem Ersten Weltkrieg kannte. Buntes Leben kulminiert auf Straßen und Plätzen in farbigen Plakaten. Im Moulin Rouge tanzt die Goulue, und das Chanson lebt in den literarischen Cabarets des Montmartre und in den Konzertcafés der großen Boulevard

Man trifft sich in den festlich illuminierten Foyers der Theater und bittet zu privaten Soireen. In den Salons begegnen traditionelle Stilformen den neuen Gestaltungsentwürfen der Art Nouveau. Photographen dokumentieren das alte Paris, aber auch den Eiffelturm als modernes Wahrzeichen. Die ganze Welt scheint zu flanieren. Man genießt Pariser Luxus: Mode, Juwelen, Kostbarkeiten für Haus und Tafel. Henri de Toulouse-Lautrec, Plakat

In den Galerien trifft man zwischen Art officiel und Avantgarde auf die komplexe Malerei der Zeit und die tonangebende moderne Druckgraphik. Die Skulptur besetzt die Stadt und feiert auf den Weltausstellungen von 1889 und 1900 Triumphe. Die französische Hauptstadt erlebt eine Periode nationalen Selbstbewußtseins und wirtschaftlicher Prosperität, in der retrospektive Kräfte und Avantgarde nebeneinander existieren. Die Ausstellung entspricht dieser historischen Situation. Sie führt Teilaspekte einer komplexen Zeit vor, die – zwischen Umbruch und Aufbruch ins neue Jahrhundert – nicht auf einen Nenner zu bringen ist.
Was der Nachwelt als Inbegriff lebensvollen Daseins erschien, doku-mentiert sich nun in einer Fülle von Kunstwerken und Zeugnissen einer Urbanität, die damals zum Maßstab für die ganze Welt wurde.
Die Belle Époque äußert sich in unterschiedlichen bildkünstlerischen Schöpfungen ebenso wie in den Objekten der angewandten Kunst, wie sie von den bis heute existierenden Unternehmen Baccarat, Chaumet, Christofle sowie der Staatlichen Manufaktur von Sèvres repräsentiert sind.
Die Erinnerung an Paris, die Hauptstadt der Eleganz, lebt in den Kreationen der Modeschöpfer auf. Die Kapitale des Vergnügens ist mit den Zeugnissen aus Café-Concert und Cabaret präsent, die lebendige Szene von Oper, Theater und Konzert mit Dokumenten zwischen Programmzettel und Bühnenbild-Modell. Und wie das Plakat, so stellt sich auch die Photographie in vielerlei Erscheinungsformen als modernes Medium vor.
Die Grenzen zwischen den Künsten verlaufen fließend – und so basiert auch die Ausstellung auf heute überraschenden Verbindungen und Verzahnungen: Avantgardisten zeichnen Plakate und Theaterprogramme. Eigentlich konservative Porträtisten der Gesellschaft orientieren sich an neuen Kunstformen. Plakatkünstler entwerfen großangelegte Dekorationen. Bildhauer sind für die Manufakturen tätig, und Komponisten spielen im Montmartre-Café Klavier. Der geradezu triumphalen Sorglosigkeit einer Gesellschaft, die die Fragwürdigkeit ihres Lebensstils glänzend zu überspielen wußte, stellt sich die kritisch mahnende Graphik einer Zeitschrift wie Les Temps Nouveaux entgegen.
Die Villa Hügel ist ein idealer Ort für dieses kunst- und kulturhistorische Panorama der Zeit um 1900. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist man versucht, es nicht nur als abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit zu betrachten.

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