Auch heute noch regt kaum ein anderes Land die Phantasie und Sehnsucht so vieler Menschen im Westen an wie das geheimnisvolle, hinter den Gipfeln des Himalaja verborgene Tibet: Bilder karger, unendlich weiter Landschaften oder meditierender Mönche, Geschichten von abenteuerlichen Expeditionen, Legenden von Gottkönigen und die Strahlkraft buddhistischer Weisheit beflügeln unser Vorstellungsvermögen. Doch was wissen wir wirklich über das Land, seine Geschichte und Religion?
Kunstschätze aus 1500 Jahren
Eine Annäherung an diese fremde und faszinierende Kultur ermöglicht jetzt die Kulturstiftung Ruhr. In der Villa Hügel Essen präsentiert sie bis zu 1500 Jahre alte religiöse Kunstwerke aus den Schatzkammern tibetischer Klöster sowie aus Palästen und Museen. Diese Kostbarkeiten haben größtenteils das „Dach der Welt“ noch nie zuvor verlassen. Rund 150 Exponate Skulpturen, Rollbilder, vielgestaltige Mandalas, Ritualgegenstände und Tempeldekor machen die stilistische Vielfalt der Kunst in Tibet erfahrbar. Sie wurden zwischen dem 5. und dem frühen 20. Jahrhundert von meist anonym gebliebenen Künstlern nicht nur im Land selbst geschaffen, sondern haben ihren Ursprung zum Teil auch in Indien, Nepal, Burma, Kaschmir und China Regionen, zu denen Tibet rege Beziehungen unterhielt.
Schönheit und Formvollendung
Feuervergoldete Figuren, minutiös gemalte oder gestickte Rollbilder, farbenprächtige, seidenapplizierte Wandbehänge, edelsteinbesetztes Altargerät, illuminierte Manuskripte mit kunstvoll geschnitzten Buchdeckeln und kostbare Schreine zeigen in vielfältigsten Formen und Symbolen immer wieder Buddhas, Bodhisattvas, Lehrmeister, Meditations- und Schutzgottheiten sowie Himmelswandlerinnen. Sie sind von herausragender ästhetischer Qualität und beeindrucken durch ihre Schönheit und Pracht.
Aus tiefer Verehrung und Wertschätzung der buddhistischen Lehre geschaffen, gewähren diese Schätze zudem Einblick in das Selbstverständnis buddhistischer Kultur. Der Gläubige, der über die dargestellten Buddhas und Gottheiten meditiert und diese zum Verweilen in den Kunstobjekten einlädt, gewinnt dadurch eine heilsame Geisteshaltung. Er entwickelt grenzenloses Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen und erfährt seine eigene Buddha-Natur. So sind alle diese Kunstwerke wertvolle Helfer auf dem Weg zur Erleuchtung.
Buddhismus im Spiegel der Kunst
Um die Besonderheiten des tibetischen Buddhismus im Spiegel der Kunst zu erhellen, ist die Ausstellung thematisch gegliedert: Im Mittelpunkt stehen zehn annähernd lebensgroße Kupferporträts von spirituellen Meistern. Sie dokumentieren die Überlieferung eines der acht großen Meditationssysteme, die zwischen dem 8. und 12. Jh. von Indien nach Tibet kamen. Einen weiteren thematischen Schwerpunkt bilden neben dem klösterlichen Leben eine Vielzahl buddhistischer Gottheiten und Lehrmeister. Als Träger einer tiefen Symbolik, die den Mikrokosmos des menschlichen Daseins mit dem universalen Makrokosmos verbindet, repräsentieren Mandalas in der Ausstellung den tantrischen Buddhismus. Beispiele aus der tibetischen Medizin sowie Herrschaftsinsignien der Dalai Lamas und hoher geistigen Würdenträger runden das Spektrum ab.
Einzigartiges Ausstellungsereignis
Die Einheit von Religion und Kunst lässt sich an den Namen der Leihgeber ablesen: Neben dem Potala-Palast, dem „Norbulingka“ genannten Sommerpalast der Dalai Lamas, dem Tibet-Museum in Lhasa und dem Yarlung-Museum in Tsethang stellen die Klöster Sakya, Tashi Lhunpo, Palkhor Chöde, Shalu und Mindröl Ling ihre wertvollsten Kunstschätze zur Verfügung - und dies nicht nur im materiellen Sinn. Sie werden als Ritual- und Kultobjekte auch heute noch von Laien, Tantrikern und Mönchen gleichermaßen verehrt und sind so ein lebendiger Teil tibetischer Kultur. All dies macht die Ausstellung zu einem europaweit einzigartigen Ereignis.