Opulent gedeckte Tische, Markt-, Jagd- und Küchenstücke, Blumensträuße, Naturstudien und Augentäuschungen: Die flämische Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts schwelgt im Detail und sucht die Nähe zur Natur. Den Blumenbildern Jan Brueghels d.Ä. scheint nichts als der Duft ihrer realen Vorbilder zu fehlen. Und der Anblick eines gehäuteten Kalbskopfes auf einem Küchenstück von Pieter Aertsen lässt so manchen Betrachter auch heute noch einen Schritt zurückweichen. Nahezu perfekt ist die Wiedergabe von Glas oder Metall, der feucht glänzenden Oberflächen und des prallen Volumens reifer Trauben oder saftiger Kirschen: Nicht nur mit den Augen, sondern mit allen Sinnen möchte man sie erfahren, ertasten, erschmecken und erriechen.
Die Kulturstiftung Ruhr Essen hat zusammen mit dem Kunsthistorischen Museum Wien mehr als 110 der schönsten und bedeutendsten flämischen Stillleben des späten 16. und 17. Jahrhunderts aus internationalem Museumsbesitz zusammengetragen. Sowohl der Prado in Madrid, der Regierende Fürst von Liechtenstein, die Nationalgalerie in Prag als auch das J. Paul Getty Museum in Los Angeles oder das Rijksmuseum Amsterdam haben einige ihrer wichtigsten Gemälde zur Verfügung gestellt. So wird es möglich, den Besonderheiten der flämischen Stilllebenmalerei nachzuspüren. In zehn Abteilungen wird der Bogen von ihren Anfängen um die Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur hochbarocken Prachtentfaltung im 17. Jahrhundert geschlagen.
Am Anfang der Entwicklung der autonomen Stilllebenmalerei in Flandern stehen die in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Antwerpen entstandenen Markt- und Küchenstücke Pieter Aertsens und Joachim Beuckelaers. Von diesen bedeutungsvollen, manchmal etwas derben und volkstümlichen, immer jedoch äußerst vielschichtigen Kompositionen führt so lässt sich in der Villa Hügel eindringlich erleben die Entwicklung hin zu den komplex arrangierten Kompositionen Adriaen van Utrechts, Frans Snyders’ oder Jan Davidsz. de Heems knapp 100 Jahre später.
Malerei und Moral
Stillleben erzählen Geschichten. Sie enthalten vielschichtige Gedanken und geben aufregende Einblicke in das bewegte Zeitalter ihrer Entstehung. Charakteristisch für das flämische Stillleben ist eine starke Ambivalenz zwischen deutlicher Sinnesfreude auf der einen und Vanitas, dem Gedanken an die Vergänglichkeit, auf der anderen Seite. Kein noch so prachtvoller Blumenstrauß aus dem Atelier Jacques de Gheyns, Roelant Saverys oder Ambrosius Bosschaerts, an dessen Blüten und Blättern nicht welke Stellen zu entdecken wären, keine Obstkörbe von der Hand Jacob van Hulsdoncks oder Frans Snyders’ mit ausschließlich makellosen Früchten. Leben und Tod sind untrennbar miteinander verbunden: Hier gemahnt eine erloschene Kerze an die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz, dort erinnert eine Sanduhr an das unaufhaltsame Verrinnen der eigenen Lebenszeit.
Zum Fressen gern: Kunst und Kulinarik
Gleichzeitig finden sich auf vielen Gemälden auch erotische Symbole, aufgeplatzte, saftige Feigen etwa oder aphrodisisch wirkende Austern, die das so typisch flämisch scheinende Schwanken zwischen Daseinsfreude und Vanitas offenkundig werden lassen. Doch wurden die vielfältigen Blumen-, Jagd-, Früchte- oder Prunkstillleben, die diese einzigartige Ausstellung versammelt, nicht in erster Linie zur bloßen moralischen Belehrung oder religiös motivierten Meditation gemalt. Gerade dem aufstrebenden und einem ausgesprochenen Delikatessenkult huldigenden Großbürgertum in den Handelsstädten dienten sie als unterhaltsamer, repräsentativer Wandschmuck.