JAN BRUEGHEL DER ÄLTERE
PIETER BREUGHEL DER JÜNGERE

16. August - 16. November 1997

Die diesjährige Ausstellung der Kulturstiftung Ruhr "Breughel-Brueghel - Flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt" bietet dem Besucher wieder ein besonderes kunst- und kulturgeschichtliches Ereignis: ein farbiges Kaleidoskop flämischer Malerei zwischen Renaissance und Barock, die dank der neueren Forschung gegenüber der niederländischen Malerei jener Zeit zunehmend an Umriß und Gestalt gewinnt. 145 Gemälde und 40 Zeichnungen lassen das Bild eines Zeitalters entstehen, das von faszinierender Vielgestaltigkeit, bildnerischem Reichtum und malerischer Qualität ist.
Ausstellungsplakat
Die Themen reichen von den schon im 16. Jahrhundert bekannten Bildern flandrischer Dörfer im Wechsel der Jahreszeiten, von den damit verbundenen bäuerlichen Festen und kirchlichen Ereignissen bis hin zu den ersten realistischen Blumen- und Landschaftsschilderungen, mit denen sich die neue Sicht der Welt im 17. Jahrhundert ankündet. Tradition und Fortschritt lassen sich mit dem Namen der beiden in der damaligen Weltstadt Antwerpen geborenen Söhne des berühmten Malers Pieter Bruegel d.Ä. verbinden. Pieter d.J. (1564/65-1637/38) und Jan d.Ä. (1568-1625) ist die Doppelausstellung gewidmet, ihre Kunst bestimmte die flämische Malerei um 1600, die sich seit der Trennung des katholischen Flandern von den protestantischen Niederlanden 1585 auf durchaus eigenständige Weise fortentwickelt.
Pieter Breughel d.J., Der Streit zwischen Fasten und Fastnacht, 1600-1610
So bekannt mittlerweile das Werk der beiden Söhne auch ist, so hat doch bis heute keine Ausstellung den Versuch unternommen, einen Überblick über ihr Gesamtwerk als Grundlage für die neuere Forschung zusammenzutragen, nach ihrem Verhältnis zum Werk des berühmten Vaters zu fragen und ihre eigene künstlerische Individualität ab der Schwelle zwischen Renaissance und Barock in einem gemeinsamen Überblick vergleichend zu verdeutlichen. Dank zahlreicher exemplarischer Leihgaben aus bedeutenden in- und ausländischen Museen, die sich von diesem längst notwendigen Konzept überzeugen ließen, ist dies in der Villa Hügel nunmehr zum ersten Male möglich geworden.
Pieter Breughel d.J., Weite Landstraße mit Reisenden, 1600-1610 Vergessen wir nicht, daß die für uns heute überragende Gestalt Pieter Bruegels d.Ä. zu seinen Lebzeiten wie um und nach 1600 in seinen Werken kaum faßbar gewesen ist. Fürsten und Könige erwarben die Gemälde direkt aus dem Atelier für ihre privaten Sammlungen und entzogen sie damit der allgemeinen Kenntnis.
Es waren die beiden Söhne, die in der Auseinandersetzung mit dem Werk des Vaters seine Kunst durch ihre eigenen Variationen und Interpretationen bekannt, ja populär machten, ein wichtiges Kapitel, dem folgerichtig der erste Teil der Ausstellung mit 20 Gemälden gewidmet ist.
Hier findet der Besucher bekannte Themen, wie z.B. den "Hochzeitszug zur Kirche" neben zahlreichen Beispielen für das damals wie heute beliebte "Bauerngenre". Man erkennt bei aller formalen und motivischen Nähe der Vorbilder jedoch schon deutlich die Pieter Breughel d.J., Der Hochzeitstanz im Freien, 1607
künstlerische Eigenständigkeit der Söhne, deren bildnerische Interpretationen bereits auf das neue Jahrhundert verweisen. Vergleicht man deren individuelle künstlerische Entwicklung, so beweist die Ausstellung, daß Pieter d.J. sehr viel stärker der Tradition verhaftet geblieben ist als sein Bruder Jan, den man in Handschrift und Motivwahl als den "moderneren" bezeichnen könnte.
Bekannte Themen aus der Bibel, wie der "Kindermord zu Bethlehem" oder die "Versuchung des Hl. Antonius", die berühmten Beispiele der "Allegorien" und "Sprichwörter", deren Kenntnis damals noch Allgemeingut war, die sog. "Jahreszeitenlandschaften", unter ihnen die bekannten Variationen der "Vogelfalle" aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien, die schon erwähnten "Hochzeitsbilder" mit dem Zug der Braut und des Bräutigams zur Kirche und die derb-fröhlichen Bauernszenen, wie der "Eiertanz", aber auch eine Reihe von Porträts, sind eine ausgesprochene Domäne des bodenständigen Pieter Breughel d.J. gewesen. Sie reflektieren das Leben in den flämischen Dörfern, das bereits den Vater fasziniert hatte, im Wechsel der Jahreszeiten und der sie begleitenden dörflichen Arbeiten, Ereignisse und Feste. Dieser Maler hat seine Heimat nie verlassen und sich ihren Menschen verbunden gefühlt. Sie lieferten ihm jene Themen, in denen man die Nähe der Kunst des Vaters fühlt, deren treuester Wahrer er bei aller Eigenständigkeit stets geblieben ist. Im Gegensatz dazu erscheint die Person Jan d.Ä. durchaus weltmännisch. Er hat die Situation seiner weltoffenen Geburtsstadt Antwerpen zu nutzen gewußt und dort die entscheidenden Impulse empfangen, die ihn zu einem der typischen Repräsentanten der flämischen Malerei zu deren Blütezeit werden ließ. Auch er hat seinen Weg in der Auseinandersetzung mit dem Werk des Vaters begonnen, im Gegensatz zu seinem Bruder jedoch diese Abhängigkeit durch seine in das neue Jahrhundert weisende Entwicklung bald beendet.
Jan Bruegel d.Ä., Ruhe auf der Flucht, um 1595
Im Alter von 21 Jahren brach er nach Italien auf. Wir finden ihn bald in Rom ("Römischer Karneval", zugleich eine Allegorie des Winters), wo er auch von der höheren Geistlichkeit geschätzt wird. Der Verkauf seiner Bilder an Kardinal Ascanio Colonna sicherte den Lebensunterhalt. Persönliche Beziehungen ergaben sich auch zu dem 1595 zum Kardinal in Mailand erhobenen Federico Borromeo, ebenfalls Freund seiner Malerei, der mit ihm bis zum Tode in Briefwechsel stand und wiederholt Gemälde bestellte. So widmet die Ausstellung dieser in Italien verbrachten Zeit eine ganze Abteilung. Jan ist ein vielseitiger Maler gewesen. Mythologische und allegorische Szenen, Paradieslandschaften, Themen der Bibel und Heiligenlegenden finden sich ebenso in seinem Werk wie See- und Schlachtenbilder.

Vor allem das Thema "Landschaft" gewinnt eine neue Qualität. Schrittweise vollzog sich die Entwicklung von der "Weltlandschaft" des 16. Jahrhunderts zur Schilderung der sichtbaren Wirklichkeit, mit der Jan d.Ä. die Schwelle zum 17. Jahrhundert überschritt. Diese neue Beziehung zum sichtbaren Sein läßt ihn zum ersten "realistischen" Landschaftsmaler werden.
Sie wirkt sich auch auf zahlreiche weitere Themen aus, unter denen ihn vor allem das Blumenbild so bekannt machte, daß man bald von ihm als "Blumenbrueghel" sprach. Mit unglaublichem handwerklichem Geschick, das seine früh erworbenen Kenntnisse in der Miniaturmalerei verrät, schildert er die Pracht der damals außerordentlich seltenen und daher kostbaren Blüten, in Sträußen, die ebenso real wie unrealistisch sind, da sie Blumen vereinen, die nicht zu gleichen Zeit, sondern über das ganze Jahr hinweg blühen.
Jan Brueghel d.Ä., Blumenstrauß in Tonvase, um 1607

Eng damit zusammen hängt das Motiv "Blumenkranz und Girlande", mit dem zugleich das damals durchaus selbstverständliche Thema der Zusammenarbeit mehrerer Künstler an einem Gemälde gezeigt wird. Der Respekt vor dem gegenseitigen Können hat damals zahlreiche Maler bewogen, ihre speziellen künstlerischen Fähigkeiten in das Werk eines anderen Meisters einzubringen. So hat z.B. Rubens für den ihm befreundeten Jan d.Ä. Madonnen und Engel in dessen Blumengirlanden gemalt, in zahlreiche andere hat Hendrik van Balen die figürlichen Szenen eingefügt.

Das gilt übrigens auch für die figürliche Staffage mancher Landschaften, die für die heutige Forschung eindeutig die zusätzliche künstlerische Handschrift erkennen läßt.

So bietet die Ausstellung die einzigartige Gelegenheit, anhand von 185 Gemälden und Zeichnungen die Blütezeit des beginnenden flämischen Barock zu entdecken und damit überholte Meinungen über ein reiches und vielgestaltiges Zeitalter zu korrigieren, das viele bisher nur mit dem Namen "Rubens" verbunden haben.

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